Gemeinsam besser

Gehirn und Lernen

Ulla

Gehirn und Lernen

Die Pisa-Studie hat hier in Deutschland einen Schock ausgelöst. Nach der Veröffentlichung der Ergebnisse wurde mit Nachdruck nach den Ursachen geforscht. Sind die deutschen Schüler weniger Intelligent als Kinder in anderen Ländern. Lag es an der Klassengröße, dem pädagogischen Geschick, der Didaktik oder der Methodik des Vermittelns von Lerninhalten? Noch vor einigen Jahrzehnten galt das deutsche Bildungssystem vielen Ländern dieser Welt als Vorbild.
Der Psychologe, Psychiater und Hochschullehrer Manfred Spitzer hat deutlich gemacht, dass die Gehirne der heranwachsenden Generation die wichtigsten Ressource zur Bewältigung unserer Zukunft sind (vgl.Spitzer, 2008, S. 13)
Um zu verstehen, wie lernen funktioniert ist es notwendig, die Arbeitsweise des Gehirns zu kennen. Aber, wie funktioniert unser Gehirn, wie erfasst es Wissen und wie verarbeitet es dieses? Gibt es Möglichkeiten unser Hirn bei seiner Arbeit zu unterstützen, um auf diese Weise optimale Lernergebnisse zu erhalten? In den letzten Jahren hat die Forschung der Neurowissenschaft einige wesentliche Antworten zu diesen Fragen erlangt.
Unser Gehirn lernt immer, nur nicht immer die von uns gewünschten Inhalte. Das Gehirn nimmt die Informationen auf, die es in seiner Umgebung an vorfindet. Es ist offen für Anregungen und vor neue Inhalte. Dreijährige lernen, so Manfred Spitzer(ebd.), alle 90 Minuten ein neues Wort, und sind mit fünf Jahren in der Lage die Grammatik ihrer Muttersprache korrekt zu benutzen. Interessant ist hier die Lernweise des Gehirns, denn es bedarf vieler identischer oder zumindest ähnlicher Einzelbeispiele, um dem Gehirn so die Möglichkeit zu bieten, die Regel hinter diesen Beispielen zu erkennen. Ausnahmen werden, wenn sie sich nicht wiederholen, nicht gespeichert. Denn sie sind nicht regelhaft und so für den Menschen nicht nützlich.
Ausnahmen, und hierfür ist der Hippokampus zuständig, ergeben sich, wenn das Ereignis für das emotionale Befinden wesentlich oder sich als elementar für das Leben erweist oder es sich um Orte und Menschen handelt. Im Hippokampus werden diese Einzelheiten gespeichert, wenn sie zwei Qualtäten mitbringen, sie müssen Unbekannt und Bedeutsam sein. So merken wir uns unseren Hochzeitstag, einen schlimmen Unfall oder den Tag unserer Einschulung. Neben diesem direkten Ereignis werden auch nebensächliche Gegebenheiten, wie das Wetter an diesem Tag oder das Menu am Mittag abgespeichert. Ereignisse, die bis zu dem Vorfall als unvorstellbar galten, graben sich für immer in unser Gehirn ein. So können sich die meisten an die Anschläge am 11. September 2001 in den USA erinnern. Die Neuronen im Hippokampus lernen schnell, denn hier sind die Neuronen besonders stark vernetzt.
Im Gegensatz zum Hippokampus lernt die Großhirnrinde, dem evolutionär jüngeren Teil des Gehirns langsamer. Jeder identische Impuls verändert die Verbindung zu den Neuronen nur minimal. Es bedarf einer großen Anzahl von gleichen Informationen um die Verbindung zwischen Synapse und Neuron stärker auszubauen und so einen größeren Effekt bei ankommenden Impulsen beim Neuron zu erzielen. Gebrauchsspuren werden im Gehirn angelegt. Es ist für unsere Großhirnrinde von Vorteil sich nur die Regel und nicht jedes einzelne Beispiel zu merken, denn dann wäre das Gehirn voll mit identischen Bildern, dies hätte gleichzeitig aber keinen Vorteil in der Beurteilung einer Sache oder Situation.
Auch in der Schule ist es von Vorteil allgemeine Strukturen zu erlernen. Einzelne Fakten sind meist für das Leben nur bedingt nützlich und können bei Bedarf nachschlagen werden. Zurzeit ist ein Bestreben in den Schulen erkennbar Kompetenzen und Kulturtechniken zu vermitteln, anstatt Lerninhalte durch pures Pauken von Daten, Regeln einzutrichtern. Vergessen darf hier aber nicht werden, dass das Lernen über unzählige Beispiele, die das Kind emotional ansprechen, läuft. Denn ohne das Allgemeine der Einzelbeispiele, kann das Gehirn keine Regeln bilden.
Impulse werden nach Sinneseindrücken über die Nervenfasern an die Synapsen der Neuronen weitergeleitet. Hier werden die elektrischen Impulse in chemische Reaktionen umgewandelt und mit Hilfe der Transmitter an die Neuronen weitergeleitet. Kommt es häufig zu gleichen Impulsen, zum Beispiel bei einem Geigenspieler, wird der Bereich im Gehirn, der für die Finger, die zum Spielen des Instruments zuständig sind, vergrößert. Je früher dies geschieht, desto flexibler reagiert das Gehirn auf diesen Bedarf und stellt eine größere Anzahl von Neuronen hierfür bereit. Häufige Ereignisse werden durch eine größere Anzahl von Neuronen repräsentiert. Jedes Neuron steht für etwas, repräsentiert etwas. Neuronen, die auf ähnliche Impulse ansprechen liegen räumlich nahe beieinander. Ein Neuron kann im Laufe der Zeit seine Repräsentation für etwas ändern, wenn es sich als nötig erweist.
Das Gehirn eines Neugeborenen ist noch sehr unfertig. Die Neuronen sind in ihrer endgültigen Menge schon vorhanden, aber die Nervenverbindungen sind noch sehr unreif und von der Zahl unzureichend. Erst mit dem Lernen entwickelt es sich und Verbindungen werden in großer Anzahl zwischen den Neuronen geknüpft. Diese Verbindungen sind aber noch nicht sehr effektiv, da sie noch reifen müssen. Da die Entwicklung des Gehirns beim kleinen Kind zeitlich sehr schnell verläuft ist diese Zeit für das frühe Lernen sehr bedeutsam. Frühe Eindrücke und Erfahrungen prägen das Gehirn und legen schon sehr früh Gebrauchsspuren, die dann im Laufe des Lebens ausgebaut werden können an.
Der emotionale Einfluss beim Lernen hat einen sehr hohen Stellenwert. „ Wir konnten zeigen, dass neutrales Material in Abhängigkeit davon, in welchem emotionalen Zustand es gelernt wird, in jeweils anderen Bereichen des Gehirns gespeichert wird. Während das erfolgreiche Einspeichern von Wörtern in positivem emotionalem Kontext im Hippocampus geschieht, speichert der Mandelkern neutrale Wörter in negativem emotionalem Kontext“ (Spitzer, 2008, S. 17)
Der Hippocampus speichert Neues und Einzelheiten in kürzester Zeit während der Wachphase ab, um sie in der Nacht, in der REM- Phase in die Großhirnrinde zu transferieren. Dieser Vorgang kann sich über viele Wochen und Monate erstrecken, denn die Hirnrinde ist ein langsamer, aber auch nachhaltiger Lernender. So kann man salopp formulieren: Der Hippocampus ist der nächtliche Lehrer der Großhirnrinde.
Der Mandelkern ist in seiner Funktion dafür zuständig Körper und Geist bei Gefahr auf Flucht und Angriff innerhalb einem Bruchteil einer Sekunde einzustellen. Der Blutdruck wird erhöht, die Atmung verstärkt, das Schmerzempfinden unterdrückt, die Muskeln angespannt Ohne den Mantelkern würde eine gefährliche Situation nicht als solche erkannt, den es würde die Angst und das Fürchten fehlen. Ohne diese unverzüglichen Reaktionen würde eine solche Situation tödlich enden können, für kreative Lösungsmöglichkeiten aus dem Hippocampus fehlte hier die Zeit. „ Was immer an gelerntem Material im Mandelkern landet, wird beim Abruf dafür sorgen, dass eines genau nicht möglich ist: der kreative Umgang mit diesem Material. Daraus wiederum folgt: Wenn wir wollen, dass unsere Kinder und Jugendliche in der Schule für das Leben lernen, dann muss eines in der Schule stimmen: die emotionale Atmosphäre beim Lernen“ (Spitzer, 2008, S. 19)
Literaturverzeichnis
Spitzer, M. (2008). Wie lernt das Gehirn. Weinberg- Köblitz: Katholische Universität Eichstätt- Ingolstadt.

Kommentare & Antworten

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


sechs − 2 =

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>