Gemeinsam besser

Erstgeborener in einer Familie, die ganz besondere Rolle

Inhalt

1. Einleitung. 1

2.  Vorstellung der beiden zu beobachtenden Kinder 4

3. Geburtsreihenfolge als Schicksalvorhersage?. 7

4. Geeignete Beobachtungsmethoden.. 11

4.1 Umfrage unter Erziehern der Einrichtung  zu dem Thema: Sozialverhalten der Erstgeborenen innerhalb der Freizeitgruppe. 12

4.2 Beobachtungen in Kindertagesstätten.. 13

4.2.1 Beobachtung und Auswertung  durch eine Kollegin.. 14

4.2.2 eigene Beobachtungen und Auswertungen.. 16

4.3.  Soziogramm als  Beobachtungsmethode. 23

4.4.   Schriftliche Umfrage innerhalb der Klasse mit vorgegebenen Fragen.. 26

5. Fazit 29

6. Literaturverzeichnis. 32

7. Abbildungsverzeichnis. 33

8. Anhang: 34

 


1.   Einleitung

 

Diese Arbeit ist allen Erstgeborenen gewidmet

 

„ Bildung ist, einem Wort Wilhelm von Humboldt zufolge, die >> Die Verknüpfung des Ich mit der Welt<< … im Vordergrund steht der sich selbst bildende Mensch, Pädagoginnen und Pädagogen können Bildung nicht produzieren. Ihre Rolle besteht darin, die Kinder in ihren Aneignungsprozessen aufmerksam zu begleiten, sie zu ermutigen, sie herauszufordern und ihnen kompetente Hilfestellung dann zu geben, wenn sie selbst nicht weiter kommen“ (Ramseger, Preissing, & Pesch, 2009, S. 20). Jedes Kind hat ein Recht auf Erziehung und Bildung. Die pädagogische Verantwortung und Aufgabe des Pädagogen liegt in erster Linie in der individuellen Förderung des einzelnen Kindes. Seine Stärken muss er erkennen und fördern, indem er Hilfestellungen, wenn sie benötigt werden, leistet. Die Angebote und die Umgebung so gestaltet, dass die Interessen und die Fähigkeiten der Kinder sich entfalten können und gefördert werden

Wie aber kann dieses Recht verwirklicht werden, ohne das Kind als Individuum mit all seinen Stärken und Schwächen im Vorfeld wahrzunehmen? Dies ist nicht möglich! Einer angemessenen Förderung muss also zwangsläufig eine Beobachtung und Analyse vorausgehen. Es gibt verschiedenste Verfahren der Beobachtung und der Einschätzung eines Kindes, als Beispiel seien hier das Soziogramm, die Beller Entwicklungstabelle, Bildungs- Lerngeschichten, freie Entwicklungsbeobachtung und  Entwicklungsgespräche, Erstellen eines Portfolio, genannt. Auf in dieser Arbeit verwendeten Methoden der Beobachtung und der anschließenden Auswertung wird im Laufe dieser Arbeit explizierter eingegangen. Neben den Beobachtungen, die zeitlich ganz unterschiedlich angelegt sind, folgt die Dokumentation, um auf diese Weise die Entwicklung des Kindes erkennbar zu machen und Maßnahmen der Hilfestellungen auf ihre Wirksamkeit kurz- wie langfristig zu überprüfen.

Ziel dieser Arbeit ist es, durch Beobachtung als wesentliches Element der pädagogischen Arbeit in Kindertagesstätten, Erkenntnisse über den Entwicklungsstand der beiden ausgewählten Kinder, ihre besonderen Fähigkeiten,   ihre Stärken und Schwächen, erkennbare Defizite zu erlangen und der Frage, nachzugehen, in wieweit die Geburtsreihenfolge  hierfür ursächlich aus-schlaggebend ist. Die Lehre der Beobachtung wird hierfür gezielt genutzt.

Wie sieht es mit der Förderung des einzelnen Kindes aus? Welche Möglichkeiten gibt es, um die Interessen der Kinder zu unterstützen und welche Instrumente sind vorhanden, um unterstützend und helfend beim Auftreten von Problemen und Schwierigkeiten der Kinder zum Einsatz gebracht zu werden? Um diese Frage abschließend beantworten zu können, ist es von Nöten sich die Einrichtung, deren Konzeption, Qualitätsmanagement, den Personalschlüssel, die Ausbildung des Personals, die Räumlichkeiten sowie andere Faktoren zu betrachten. Dies ist hier aus Zeitgründen nicht möglich.

Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Frage inwieweit die Geburtsreihenfolge eines Kindes sein Sozialverhalten innerhalb seiner Gruppe im Freizeitbereich der Grundschule beeinflusst. Nach eigenen Beobachtungen und vielen Gesprächen mit Kollegen und Kolleginnen zur Problematik dieses Themas habe ich mich entschlossen, diesen Themenbereich mit Hilfe verschiedener, später näher beschriebener Beobachtungsmethoden, zu beleuchten. Welche Verhaltensweisen kennzeichnen die Erstgeborenen? Ist es möglich einen Zusammenhang zwischen Geburtsreihenfolge und Verhalten zu belegen?

Erstgeborene Kinder zeichnen sich, so erscheint es nach oberflächlicher Beobachtung, im ständigen Tagesgeschehen, häufig durch hohes Sozial-engagement und -kompetenz[1]  aus. Solche Kinder hat jeder Erzieher gern in seiner Gruppe, denn sie tragen das Gruppengeschehen mit. Wie aber sieht es mit den eigenen Bedürfnissen dieser Kinder aus? Werden auch ihre Wünsche, Bedürfnisse und Träume erfüllt? Auf den ersten Blick ergibt sich der Eindruck, dass diese Kinder zugunsten von zweit und später geborenen Kinder eigene Interessen vernachlässigen. Ist es also für Kinder ein Fluch als erstes Kind einer Familie geboren zu sein? Dieser Frage soll folgend nachgegangen werden. Ferner wird das Verhalten der Erstgeborenen anhand zweier Mädchen innerhalb der Gruppe beobachtet und analysiert. In einem Sozigramm wird dargelegt, welche Stellung XX und XXX in ihrem Gruppenverband innehaben. In einer Umfrage werden allen Kindern der Klasse gezielt schriftlich Fragen gestellt, um auf diese Weise das Klassenfüge zu erkennen und die Meinung der Kinder zum Verhalten der Beiden zu erlangen. Aus pädagogischen Gründen wird hierbei aber nach dem Verhalten aller Kinder der Klasse gefragt, um auf diese Weise zu vermeiden, den Blickpunkt der Einschätzung des Verhaltens nicht ausschließlich auf die beiden Mädchen zu lenken. Zu Beginn dieser Arbeit werden die beiden Mädchen, die im Fokus der Beobachtung stehen, vorgestellt. Methoden der Beobachtung und ihre Auswertung kommen folgend zur Darstellung. Das Ergebnis, sowie Erkenntnisse daraus führen anschließend zu Überlegungen der Verbesserung der Situation der Mädchen. Im Fazit wird das Ergebnis der Beobachtung zusammengefasst, ausgewertet und abschließend dargelegt. Im Anhang befinden sich die Auswertungen des Soziogrammes, ein Interview mit XXs Vater, sowie Fotos der Mädchen und ihrer Schulklasse.

 

Ziel der Beobachtungen sind Erkenntnisse über die Auswirkung der Geburts-reihenfolge auf das Sozialverhalten von Mädchen in ihrer Peergroup zu erlangen. Nach der Beobachtungsphase werden geeignete Möglichkeiten des Ausgleichs der Belastung der Mädchen durch ihre Rolle, die sie in der Gruppe innehaben, gesucht.


2.  Vorstellung der beiden zu beobachtenden Kinder

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3. Geburtsreihenfolge als Schicksalsvorhersage?

 

Neben den persönlichen Eigenschaften, Temperamente der Veranlagung, die jeder Mensch mitbringt, spielen Regeln der Kultur, in die das Kind hineingeboren wurde, sozialer Status sowie  Bildungsmöglichkeiten für den Verlauf seines Lebens eine wohl entscheidende Rolle. Neben all diesen Faktoren, so könnte man den Eindruck erlangen, erweist sich auch die Geburtsreihenfolge von Bedeutung für sein Verhalten und seiner Stellung innerhalb von Gruppen. „Die Stellung in der Geschwisterreihe jedoch ist ausschlaggebend für das Verhalten des Menschen innerhalb der Gemeinschaft. Sie bestimmt ganz wesentlich die Art, wie er auf andere Menschen reagiert; sie bestimmt seine Eignung, sich mit anderen anzufreunden,-die Art, wie er dazu fähig ist, ein Kamerad seiner Mitmenschen zu sein und sich in eine Gemeinschaft einzugliedern“ (König, 2008, S. 20) .

Nach Kevin Lemann bestimmt die Geschwisterkonstellation alle Bereiche der Persönlichkeit. Die Geburtsreihenfolge bestimmt seiner Ansicht nach, wen man heiratet, welcher Beruf ausgeübt wird, welche Rolle das Kind in der Familie spielt. Eigenschaften der Erstgeborenen sind, so scheibt Leman „ perfektionistisch, verlässlich, gewissenhaft, jemand, der sich Listen macht, organisiert, kritisch, ernsthaft, gelehrt“ (Leman, 1986, S. 10). Die Reihenfolge der einzelnen Geschwister prägt deren Leben mit. Erstgeborene erhalten einen besonderen Status innerhalb der Familie. Sie sind Mittler zwischen den Eltern und den Geschwistern, Vorbild für die Geschwister und Hilfe für die Eltern. In sie wird von den Eltern große Hoffnungen in Hinsicht der schulischen Leistungen und der Berufswahl gesteckt. Erstgeborene sind die Bewahrer von Familientraditionen und Ritualen. Sie lernen häufig schon sehr früh Verantwortung für die jüngeren Geschwister und die Familie zu übernehmen. Sie gehen ernsthafter und planender durch das Leben, ihnen fehlt, so scheint es, oft die Unbekümmertheit der jüngeren Geschwister. „Forschungen haben erwiesen, dass Erstgeborene viel stärker leistungsorientiert sind als ihre jüngeren Geschwister. Der weitaus größte Teil der Erstgeborenen landet in den Hochleistungs- Berufen im naturwissenschaftlichen, medizinischen oder juristischen Bereich“ (Leman, 1986, S. 12). Bedeutsam ist aber auch der Altersunterschied der einzelnen Geschwister. Ist dieser Abstand zu groß, bildet sich nach Leman eine zweite Familie innerhalb der Familie. Das mit großem Abstand später geborene Kind wird so wieder zu einem Erstgeborenen, betrachtet man seine Verhaltensweisen. Auch die Geschlechtsreihenfolge spielt in der Familie eine Rolle, denn Mädchen werden auch heute noch andere Eigenschaften als einem Jungen zugeordnet. Jedes Mitglied einer Familie hat seinen Platz, seine Aufgaben. Beim Umgang mit dem erstgeborenen Kind verhalten sich Eltern, so schreibt Leman, oft paradox. Auf der einen Seite sind sie wegen mangelnder Erfahrung sehr ängstlich und zaghaft, sie überbeschützen dieses Kind auf der anderen Seite verlangen sie Leistung, das Kind soll schnell laufen, sprechen und auch alles andere können. Dieses Leistungsdenken werden die Eltern beibehalten. Das Erstgeborene ist ein Versuchskaninchen, an ihm probieren sie ihre Erziehung aus. Dieses Kind wird ein Leben lang eine Sonderstellung beibehalten, denn schon in der Schwangerschaft waren die Hoffnungen und die Wünsche zu diesem Kind groß. Das erste Kind verändert die Beziehung seiner Eltern nachhaltig, in ihm möchten sich die Eltern spiegeln. Das erstgeborene Kind soll alles erreichen, was den Eltern zu erreichen nicht möglich war, dieses Kind wird als eigene zweite Chance erlebt. Es ist den Eltern hierdurch besonders nah. Alles ist bei diesem Kind, dem Erstgeborenen, neu und aufregend, die Wahl des Namens, die Ausstattung des Kinderzimmers. „Für Erstgeborene gibt es nur Erwachsene als Vorbild, von denen sie ganz selbstverständlich Erwachseneneigenschaften übernehmen.“ (Leman K. , 1986, S. 44) „ Während Väter vom einzigen Kind meistens messbare, nachweisbare Leistungen verlangen (…) erwarten die Mütter, die oft dem Kind zuliebe ihren eigenen Beruf und damit einen Teil ihrer Selbständigkeit aufgaben, einen Ausgleich dafür durch vermehrte Zuneigung und engen Gefühlskontakt mit dem Kind“ (Ulrich, 2004, S. 9). Meist wachsen Erstgeborene zu Menschen heran, die althergebrachte Werte bewahren möchten. Sie sind kleine Erwachsene, die im Leben häufig leitende Funktionen übernehmen und Außergewöhnliches erreichen“ (Leman, 1986, S. 44)

Es scheint einen Zusammenhang zwischen Geburtsreihenfolge und eingenommener Rolle innerhalb der betreffenden Familie zu geben. Das erstgeborene Kind gilt als Bewahrer der Tradition und Regeln der Familie. In ihn werden schon vor seiner Geburt alle Wünsche und Erwartungen seiner Eltern und Familie projiziert. „Ein Erstgeborener verhält sich anders, als ein Zweiter oder gar ein Dritter. Denn der Erste ist durch seine Erstgeburt ein traditionsgebundener Mensch; ob er es will oder nicht- ob es seinem Temperament und seiner Lebensart entspricht oder nicht- er ist vom Schicksal dazu gezwungen und geführt, ein Wahrer und Bewahrer, ein Mehrer und Behüter zu sein.“ (König, 2008, S. 15) Keine Schwangerschaft wird so bewusst durchlebt und keine Geburt eines Kindes verändert die Familie in der Regel sosehr, wie die Geburt des Erstgeborenen. Auf seinen Schultern liegen große Erwartungen an sein Verhalten und den Verlauf seines Lebens. „Fast scheint es, als bestünde die vorrangige Aufgabe des Erstgeborenen darin, immer etwas erwachsener zu sein. Die Mehrzahl der Menschen, die hilfesuchend in die Beratungen (psychologische Beratungsstellen) kommen, sind Erstgeborene oder Einzelkinder. Sie haben ihr Bestes gegeben, um zu gewissenhaften, zuverlässigen, reifen also vollkommenen- Menschen heranzuwachsen und sind schließlich mit Frustrationen und Schuldgefühlen belastet. (Leman K. , 1986, S. 50) Alles, was die Eltern je selbst gerne erreicht hätten, ihnen aber versagt blieb, erhofft und erwartet man von diesem Kind. Seine Rolle ist mit der Geburtsreihenfolge seiner Geburt bestimmt. Neben der Rolle des Bewahrers und Erfüllers wird dieses Kind auch zum Miterzieher seiner jüngeren Geschwister. Er unterstützt die Eltern bei ihrer Aufgabe der Erziehung der folgenden Kinder oder übernimmt sie gar. Fallen die Eltern als Beschützer und Versorger der Familie aus, übernehmen die erstgeborenen Kinder oftmals deren Rolle. „Was die Persönlichkeitsentwicklung betrifft, so ist das älteste Kind meist konservativ, es spiegelt die Sitten und Einstellungen der Eltern wieder und verfügt über eine starke Selbstkontrolle. Unabhängig vom Geschlecht ist das älteste Kind meist dasjenige, das die Gewohnheiten der älteren Generation in die jüngere hinüberträgt. (Forer & Still, 1982, S. 54) „Die Geschwisterhierarchie ist ein kleines soziales System, in dem der Kräftigere dominiert. Ältere Kinder sind im Allgemeinen stärker und spielen die Rolle eines Elternersatzes.“ (Forer & Still, S. 44)

In einigen früheren Kulturen war es zu früheren Zeiten üblich, die erstgeborenen Kinder gleich nach der Geburt zu töten und sie so ins Totenreich zurück zu schicken, mit dem Auftrag Beschützer folgender Kinder zu werden und diesen den Weg zum Reich der Lebenden zu weisen. In Indien gab es bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts den Brauch, das erstgeborene Kind dem Ganges zu opfern. Es war bei einigen Völkern in Afrika auch gängige Vorgehensweise, den erstgeborenen Sohn nach der Geburt zu töten, da man in ihm einen Konkurrenten des eigenen Vaters sah, der dessen Rolle gefährdete. Auch in der Bibel finden sich Passagen, in denen es um die Opferung des erstgeborenen Sohnes geht. So erhält Abraham von Gott den Auftrag seinen Sohn zu opfern. Diesem Auftrag wäre dieser, so wird es im Alten Testament dargestellt, auch nachgekommen, hätte Gott nicht im letzten Moment ein anderes Opfer gefordert (vgl. König,2008,S.34ff). „Im Bewusst-                                                          sein vieler Völker lebt seit jeher das Wissen um die Bedeutung der Erstgeborenen. Die Erstgeborenen sind Symbol für den Fortbestand der Familie und der Sippe“ (Preskop, 2003, S. 70)

Aber die Rolle des Erstgeborenen birgt auch positive Elemente. Die Eltern sind oft ihrem erstgeborenen Kind emotional ein Leben lang sehr nah. Es ist nicht nur das ersehnte Kind, es ist auch Vertrauter und Freund. Diese Rolle macht den Erstgeborenen einzigartig. Mit ihm tauscht man Geheimnisse, weiht ihn in Gegebenheiten ein, die den restlichen Kindern häufig verborgen bleiben. Das erstgeborene Kind wird häufiger, als die folgenden Kinder, um Rat und Hilfe gebeten. Dies schafft eine besondere Position, der Erstgeborene gehört sowohl zum Team der Eltern als auch zum Team der Kinder der Familie. So wird er zum Mittler zwischen beiden. Er trägt eine große Verantwortung innerhalb der Familie und diese Verantwortung trägt er oft ein Leben lang. Diese Rolle prägt auch häufig sein Leben, seinen Berufswunsch, sein Wunsch nach Sicherheit und Beständigkeit und geregelter Ordnung. Seine Geburtsstellung in der Reihenfolge der Geschwister spielt auch bei der Partnerwahl eine Rolle. Die zuerst Geborenen funktionieren häufig gut, sie zeigen ein ausgeprägtes Sozialverhalten, da sie gewohnt sind, auch die Interessen ihrer jüngeren Geschwister bei ihren Entscheidungen zu berücksichtigen. Sie übernehmen oft lebenslang Verantwortung, denn dies entspricht ihrer Handlungsweise. Jedes Kind einer Familie, abhängig von der Geburtsreihenfolge, hat seine Position und seine Aufgaben hier. Die Stellung des Erstgeborenen bringt für diese viel Verantwortung schon in jungen Jahren. Diese zugeteilte Rolle wird meist angenommen und gelebt, aber auch als belastend erlebt. Denn gerade die Erstgeborenen müssen oft für jede Veränderung und den Wunsch nach Souveränität und Eigenständigkeit in der Familie kämpfen. Inwieweit all diese Gegebenheiten ausschlaggebend für das Verhalten der beiden beobachteten Mädchen ist, wird im Laufe dieser individuellen Entwicklungsbeobachtung versucht nachzuvollziehen.


4. Geeignete Beobachtungsmethoden

 

Folgende Methoden zur Beobachtung des Sozialverhaltens XX und XXX zur Beantwortung der Frage, inwieweit die Geburtsreihenfolge eines Kindes sein Sozialverhalten innerhalb seiner Gruppe im Freizeit-Bereich der Grundschule beeinflusst, wurden angewandt. Diese gewählten Methoden erscheinen geeignet die Fragestellung dieser Arbeit zu beantworten, da sie sowohl die langjährigen Erfahrungen einer Gruppe von unbeeinflussten Erziehern zu dem Thema spiegeln sowie die unabhängige Beobachtung durch den Bezugserzieher als auch Fremdbeobachtung durch einen Kollegen beinhalten. Die Umfrage unter den Mitschülern gibt Aufschluss darüber, wie die Peergroup das Verhalten der beobachtenden Mädchen innerhalb der Gruppe einschätzt.

 

  • Umfrage unter Erziehern[2] der Einrichtung  zu dem Thema: Sozialverhalten der Erstgeborenen innerhalb der Freizeitgruppe
  • Kontaktsoziogramme der beiden Mädchen
  • Schriftliche Umfrage innerhalb der Klasse mit vorgegebenen Fragen
  • Beobachtung und Dokumentierung
  • Fremdbeobachtung

Die entsprechenden Unterlagen finden sich im Anhang

 

Ergänzend wurde ein Interview mit dem Vater eines der Mädchen durchgeführt.

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4.1 Umfrage unter Erziehern der Einrichtung  zu dem Thema: Sozialverhalten der Erstgeborenen innerhalb der Freizeitgruppe

Folgende Aussagen der Erzieher der Heinrich-Seidel-Grundschule wurden nach protokollierten Antworten an einem Gesprächskreis mit 12 Kollegen zu Beginn des Beobachtungszeitraumes festgehalten. Diese Aussagen sind entstanden, nachdem die Kollegen im Vorfeld recherchierten, welche Kinder in ihren Gruppen Erstgeborene einer Familie sind. Interessant ist hier das Ergebnis, dass erstgeborene muslimische Mädchen häufig früher ein Kopftuch tragen als ihre Schwestern, wenn diese im gleichen Alter sind.

 

 

  • Die Erstgeborenen unterstützen häufig die Pädagogen bei ihrer Arbeit innerhalb der Kindergruppe.
  • Wie selbstverständlich helfen sie den anderen Kindern der Gruppe, wenn Hilfe benötigt wird.
  • Ist Verantwortung zu übertragen, ist es auffällig, wie häufig Erstgeborene sich hierfür anbieten.
  • Sie sorgen durch ihre Art für das Einhalten von Regeln, für Ordnung und übernehmen bei Bedarf auch Arbeiten der Anderen.
  • Sie denken bei der Organisation des Tagesablaufs mit, suchen bei anstehenden Problemen nach Lösungen.
  • Ein erstgeborenes Kind ordnet sich sozial anders ein als ein zweit- oder drittgeborenes Kind dies macht.

4.2 Beobachtungen in Kindertagesstätten

 

„Beobachtung sollte als professionelles Werkzeug in Kindertageseinrichtungen deutlich werden“ (Steudel, 2008, S. 10) Zentrales Merkmal wissenschaftlichen Beobachtens in einem empirischen Verständnis ist ihre Wertneutralität. Ist diese Neutralität zu wahren, wenn eine Erzieherin, die einen engen Kontakt zu dem zu beobachtenden Kind innehat, die Beobachtung durchführt? Und führt eine Fremdbeobachtung vorranginger zu einem objektiven Ergebnis? Es muss hier, so erläutert Steudel zwischen Wahrnehmung und Beobachtung unterschieden werden. „Während Wahrnehmung subjektiv, emotional gefärbte Alltags-beobachtungen zugerechnet werden, gilt Beobachtung, als ein geplanter, methodisch kontrollierter Blick“ (Steudel, 2008, S. 11). Wollen wir das Phänomen Beobachtung erläutern, müssen wir zwischen der bisher ausführlich beschriebenen Wahrnehmung und Beobachtung unterscheiden. Die Verhaltensbeobachtung wird allgemein verstanden als aufmerksame, planmäßig- selektiver und methodisch kontrollierte Wahrnehmung mit dem Ziel der Gewinnung von Informationen über einzelne Personen oder Gruppen. Folgende Beobachtungen wurden unter der Fragestellung: Sozialverhalten von XX und XXX in ihrer Peergroup vorgenommen.

 

 

4.2.1 Beobachtung und Auswertung  durch eine Kollegin

 

Fremdbeobachtung:

Montag, der 9.11.2011 13.00 Uhr

Da eine Schulstunde ausgefallen ist, besteht die Möglichkeit, an diesem Tage zu einem früheren Zeitpunkt in der Mensa zu essen. Der Tisch ist aber noch nicht gedeckt, da der Unterrichtsausfall nicht vorhersehbar war. Es werden Kinder benötigt, die sich bereiterklären, die Tische für die Gruppe einzudecken. Im Gruppenraum werden die Kinder gefragt, wer so nett ist, diese Aufgabe zu übernehmen. Das Interesse ist mäßig, alle Kinder möchten erst einmal nach dem Unterricht spielen. Mein Blick wandert zu XX und XXX, beide nicken wortlos und begeben sich, sichtlich erkennbar an Mimik und Gestik, lustlos in Richtung Mensa. Ich bedanke mich bei Beiden und lobe ihr Engagement und lächele sie dankbar an. Für die Gruppe erscheint es selbstverständlich, dass XX und XXX sich bereiterklärt haben. Während des Essens ist zu beobachten, dass XX und XXXdie leeren Schüsseln an der Ausgabe auffüllen lassen und für ihre Tische zeitgleich den Nachtisch mitbringen. Den anderen Kindern erscheint dies, so wirkt es, selbstverständlich. Nach dem Essen stelle ich die Stühle der Kinder ordentlich um die Tische, XX sieht dies und hilft mir, ohne dass ich sie dazu auffordere, mit. Danach setzen XX und ich uns noch einen Moment zusammen auf eine Bank in der Eingangshalle und sie erzählt mir von einem Musikvideo, dass sie sich am Abend angesehen hat und dass sie gerne nachtanzen möchte. Ich biete ihr an, dass sie die Musik auf CD mitzubringen kann und im Computerraum, wenn dieser nicht genutzt wird, zu proben.

Auswertung der Kollegin

Die Gruppe der Kinder scheint schon zu wissen, dass XXX und XX sich zur Hilfe bereiterklären, wenn Hilfe benötigt wird. Gezielt habe ich, so empfand es die beobachtende Kollegin, in ihre Richtung geschaut, als Hilfe gebraucht wurde. Beide Mädchen hatten nach Einschätzung der beobachtenden Kollegin durch mein aufforderndes Lächeln in ihre Richtung keine Chance sich zu verweigern ohne gleichzeitig zu riskieren, mich zu brüskieren und vielleicht zu enttäuschen. Ganz deutlich erkennbar ist, nach Aussagen der Kollegin, dass ich in meiner Arbeit einen hohen Anteil an Körpersprache, Gestik wie Mimik zur Verständigung mit den Kindern einsetze. Ihrer Meinung nach, ist zu spüren, dass die Kinder und ich ein eingespieltes Team sind, das sich auch ohne viele Worte versteht. Besonders auffällig wäre dies mit den stilleren Kindern der Gruppe. Mimik und Gestik spielen also eine große Rolle, vieles wird nicht verbal ausgesprochen. Auffallend erscheint auch der beobachtenden Kollegin die Selbstverständlichkeit, mit denen die anderen Kinder der Gruppe die Dienste der beiden beobachtenden Mädchen in Anspruch nehmen. Es scheint ihre Rolle innerhalb dieser Gruppe zu sein, bei auftretenden Problemen allen in der Gruppe hilfreich zur Seite zu stehen. Interessant erschien der Kollegin, dass die beiden Mädchen eine besondere Stellung innerhalb der Gruppe einnehmen. Sie sind nicht nur häufig sehr hilfsbereit und agieren umsichtig, auf ihre Wünsche und Bedürfnisse, so scheint es, gehe ich besonders schnell und mit einem größeren Aufwand ein. Diese beiden Mädchen haben Privilegien, die andere Kinder in der Gruppe nicht innehaben. Mit ihnen spreche ich, nach Beobachtung der Kollegin, mehr und häufiger.

 

4.2.2 eigene Beobachtungen und Auswertungen

 

1. Beobachtung 10.11.2011 14.25 Uhr im Gruppenraum

Heute haben die Kinder Schmuck aus Perlen hergestellt. Hierbei sind viele Perlen auf den Boden gefallen. Im Anschluss muss gefegt und aufgeräumt werden. Die Jungen haben während eines Gesprächs, das ich mit einem Kind in einem Nachbarraum führte, die Situation genutzt und sind mit dem Fußball nach draußen gegangen. Fünf Kinder befanden sich im Raum, als ich zurückkam, unter ihnen XXX und XX. Sie sehen meinen Blick Richtung Boden und nehmen sich einen Besen und fegen die Perlen auf. Sie fordern die anderen anwesenden Kinder, die nur zuschauen, auf, sie zu unterstützen. Diese maulen lustlos, unterstützen aber die Beiden anschließend. Erstaunt registriere ich, dass XX meine Argumentation in Worten übernimmt. Gemeinsam räumen alle Anwesenden auf und schimpfen dabei auf die Jungen, die sich so geschickt rechtzeitig abgesetzt haben.

 

Auswertung:

Auch hier haben XX und XXX, wie von mir erwartet, mich beim Aufräumen unterstützt. Sie forderten die Hilfe der noch anwesenden anderen Mädchen ein und bestimmten so die Situation.

 

2. Beobachtung 15.11.2011

An diesem Freitag backen einige Kinder der Gruppe für alle Kinder der Klasse Pizza. Gemeldet haben sich viele Kinder, aber zu Beobachtungszwecken wurden vier Jungen der Gruppe und XX ausgewählt. Pizzabacken ist eine sehr beliebte Tätigkeit der Kinder, da wir vom leckeren Ergebnis abgesehen auch den Pizzateig nutzen, um Aggressionen abzubauen. Das heißt konkret, der Teig muss geschlagen werden, um möglichst zart zu werden und gut aufgehen zu können. Schon seit Jahren nutzen die Kinder diese Möglichkeit ihre Aggressionen gezielt abzubauen und gleichzeitig einen gelungenen Teig zu erhalten. Es ist den Kindern erlaubt, so fest wie möglich auf den Teig zu schlagen. Eine Verletzungsgefahr besteht nicht, da die große Menge an Teig die Schläge dämpfen. Bei den ersten zurückliegenden Malen zeigte sich XX sehr zurückhaltend und gehemmt. Sie wollte wohl den Teig schlagen, schien sich aber gleichzeitig dafür zu schämen. Die ersten Versuche sind schon einige Jahre her, nun ist XX etwas mutiger und offener.

3 Jungen und auch XX freuen sich offensichtlich schon auf ihren Einsatz. Nach Rezept mischen sie alle Zutaten zusammen. XX steht hierbei meist in der zweiten Reihe und beobachtet das Tun der Jungen. Sind diese mit der Konsistenz des Teiges nicht zufrieden, reicht XX ihnen abwechselnd Wasser und Mehl. Es ist zu merken, dass sie wohl Zuhause häufig der Mutter beim Backen hilft. Die Jungen schütten mit wenig Geschick, Wasser zu dem zu festen Teig, mit Hilfe des Mehls versuchen sie den nun zu flüssigen Teig zu binden. Nach einigen Fehlversuchen beauftragen sie XX für die richtige Konsistenz des Teiges zu sorgen. Wortlos geht sie in die erste Reihe an die Teigschüssel und sorgt ohne Erklärungen abzugeben für das richtige Verhältnis. Jetzt wird sie von den Jungen wieder nach außen gedrängt und nimmt dies auch wortlos hin. Die Jungen schlagen auf den zuvor aufgetürmten Teig ein und haben offensichtlich viel Spaß dabei. XX schaut ihnen, einen Schritt nach hinten tretend, zu. Sie äußert nicht den Wunsch, den Teig zu schlagen. Nach meiner Aufforderung den Teig auch zu schlagen, tritt sie nach vorne und schlägt zaghaft auf den Teig ein. Die Jungen spornen sie an, kräftiger zu schlagen. Sie bilden gemeinsam einen Sprachchor. Mit den Worten fester, fester, fester motivieren sie XX auf den Teig fester einzuschlagen. XX folgt dieser Aufforderung und nicht nur ich, sondern auch die Jungen sind erstaunt, mit welcher Kraft sie den Teig bearbeitet. Besonders B. zeigt sich von der unerwartenden Kraft XX beeindruckt. Er formuliert dies folgendermaßen: „Tschisch, bo du bist voll stark für ein Mädchen“ XX Stolz über die Äußerungen der Jungen ist ihr anzusehen. Beim Belegen der Pizza steht sie nicht mehr in zweiter Reihe, sondern sitzt neben B. und B. und schneidet mit ihnen gemeinsam Tomaten und Paprika. Diese Situation ist für sie nun viel entspannter. Sie redet bei der Arbeit mit den Jungen und mit viel Spaß, dies ist ihrer Mimik und ihrem Lachen zu entnehmen, bringen sie die Arbeit zu Ende. Später beim Essen der Pizza berichtet B. wie stark XX den Teig geschlagen hat. Nach dem Essen geht XX in die Küche, räumt die Geschirrspülmaschine ein und wäscht das sperrige Geschirr ab. Sie macht dies ganz allein, ohne dazu von mir aufgefordert worden zu sein und ohne Hilfe der Anderen.

 

Auswertung:

XX verhält sich am Anfang der Aktion sehr zurückhaltend. Es scheint ihr zu genügen in zweiter Reihe die Aufgaben zu erledigen, die ihr von den Jungen zugewiesen werden. Sie verhält sich passiv und es scheint ihr unangenehm zu sein nur mit Jungen etwas zu unternehmen. XX, die im Täglichen eher den Kontakt zu Mädchen sucht, scheint mit der vorgefunden Situation fast überfordert. Dies ändert sich aber nachdem sie von einem Jungen der Gruppe gelobt wird. Hiernach wirkt sie gelöster und sie ist jetzt offensichtlich auch in der Lage, dass Pizzabacken zu genießen. Diese Situation war für mich besonders interessant, da ich das erste Mal bewusst wahrnahm, dass XX die Kontaktangebote eines Jungen erwiderte. Zu Beginn der Backaktion war XX die ganze Situation, so hatte ich den Eindruck, unangenehm. Erst nach der Anerkennung ihrer körperlichen eingesetzten Kraft taute sie auf und empfand sich wohl als Teil der Backgruppe und dazugehörig. Es war mir vorher noch nicht bewusst gewesen, wie sehr XX auch die Anerkennung der Jungen in dieser Gruppe sucht.

Zwei weiter Beobachtungssituationen werden aus Datenschutzgründen und weil ich keine Lust habe weiter die Namen zu  XX entfernt.

4.3. Soziogramm als  Beobachtungsmethode

Einleitung und Überblick über die Möglichkeiten des Einsatzes

Ein Soziogramm dient der Darstellung von Sozialstrukturen. Mit Hilfe dieser Beobachtungsmethode ist es möglich, soziale Geflechte innerhalb einer bestimmten Gruppe zu bestimmen. „ Dabei geht es vor allem um die Erfassung sozio- emotionaler Beziehungen zwischen den Gruppenmitgliedern, z. B. Sympathie und Ablehnung (Gruppendynamik)“ (Psychologie 48.com)

 

  • Seit wann arbeitet man mit dem Soziogramm?

Jakob L. Moreno entwickelte die Soziometrie 1939 als Methode der Erfassung von Gruppenstrukturen. Als Darstellungsform der Ergebnisse wählte er das Soziogramm.

 

  • Wie werden die Daten erfasst?

Die benötigten Daten werden durch Beobachtung oder Befragung gesammelt. Vor diesem Schritt ist es sinnvoll, sich die Fragestellung der Beobachtung bzw. der Befragung festzulegen. Diese Fragestellung oder Fragestellungen können im Laufe einer Beobachtungsreihe weiter verfeinert werden.

 

  • In welchen Abstand wird beobachtet?

Es erscheint sinnvoll, die Erhebung regelmäßig in bestimmten Abständen z.B. halbjährig, bzw. über einen festgelegten Zeitraum wöchentlich durchzuführen, um so zum einen eine Entwicklung zu erkennen und zum anderen auf diese in einem angemessenen Zeitraum reagieren zu können.

 

  • Was wird beobachtet?

„ Der Schwerpunkt der Beobachtung liegt eindeutig auf den sozialen Kontakten und der sozialen Einbindung einzelner Kinder sowie darauf, individualisierte Beziehungen wie Freundschaften und wechselseitige Sozialpartnerpräferenzen wahrzunehmen.“ (Susanne Viernickel, 2005, S. 131 ff)

 

  • Welche Darstellungsformen bieten sich an?

Als Darstellungsformen eines Soziogrammes bieten sich Grafiken in Form von Diagrammen und Tabellen an. Diese Form ist aber nur bis zu einer Höchstzahl von zu beobachtbaren und befragbaren Probanden (ca. 15) als überschaubar zu werten.

 

 

  • Welche Formen von Soziogrammen haben sich in der Beobachtung bewährt?

Wir unterscheiden das Spiel- und das Kontaktsoziogramm

 

  1. Das Spielsoziogramm gibt Auskunft darüber, welche Spielpartner, Spielvorlieben, Spielorte, Sozialkontakte, Häufigkeit der Kontakte das Kind bevorzugt.
  2. Das Kontaktsoziogramm gibt einen Einblick in die Stellung des beobachtenden Kindes innerhalb der Gruppe. Von wem wird es als Spielpartner favorisiert, wen sucht das Kind vermehrt zum gemeinsamen Spielen aus? Wer ist Außenseiter und wird von den anderen Kindern gemieden und in welchen Situationen tritt dies besonders zutage?

 

 

  • Welchen Nutzen hat das Soziogramm für die Arbeit in der Gruppe?

Ist anhand des Soziogrammes die Isolation eines Kindes in der Gruppe erkennbar, kann man sich um Stärkung des Kindes bemühen und gezielte Angebote zur Integration dieses Kindes schaffen. Für die Zusammensetzung zukünftiger Gruppen berücksichtigt, können die Ergebnisse eines Soziogrammes hilfreich sein. Erkennt man bei der Auswertung des Soziogrammes Interesse an bestimmten Aktivitäten, kann dies bei der Raumplanung und der Angebotsauswahl der Aktivitäten für das Kind, aber auch für die Gruppe, mit einbezogen werden.

Das Ergebnis einer Beobachtung mit Hilfe des Soziogrammes kann immer nur eine Momentaufnahme des Geschehens sein. Viele Begleitumstände haben großen Einfluss auf das Ergebnis. So spielt die psychische und physische Verfassung des Kindes zurzeit der Beobachtung eine große Rolle. War es müde, hatte es Fieber, war es abgelenkt. Das Soziogramm ist ein effektives Mittel der Beobachtung der Gruppenstruktur, dem Verhalten einzelner und der Nutzung von Materialien, Raum und Spielsituationen. Ein wesentlicher Vorteil eines Soziogrammes ist die leichte Überschaubarkeit der Ergebnisse zumindest bei kleineren Gruppen.

Für beide Mädchen wurde ein Soziogramm erstellt, welches ihre Stellung zu den einzelnen Mitschülern aufzeigt und deren Kontakte zu ihnen.

Das Soziogramm wurde aus Datenschutzgründen entfernt

 

 


4.4. Schriftliche Umfrage innerhalb der Klasse mit vorgegebenen Fragen

Folgende Fragen wurden XXX, XX und ihren Mitschülern zur Beantwortung vorgelegt:

1.         Wer sind hier in der Klasse deine besten Freunde?

2.         Wen magst du nicht so gerne leiden?

3.         Wen würdest du später gerne noch mal treffen?

4.         Wer ist deiner Meinung nach von deinen Mitschüler besonders zuverlässig?

5.         Wem vertraust du am meisten?

6.         Wen hältst du für besonders fair?

7.         Wer tut am meisten für die Klasse?

8.         Wer räumt häufig auf?

9.         Wer hält sich besonders gut an Anweisungen der Erwachsenen?

10.      Wer ist deiner Meinung nach besonders hilfsbereit?

11.      Wer glaubst du, ist besonders beliebt bei den Erwachsenen?

Schreibe die zwei Namen deiner Mitschüler auf, die dir zu den einzelnen Fragen als zutreffend erscheinen, mit der entsprechenden Nummer davor auf ein Blatt.

 

Auswertung:

An dieser Stelle werden nur die Ergebnisse, insofern sie XX und XXX betreffen, aufgeführt.

 

•          Frage 1: XX wurde von zwei Kindern als beste Freunde bezeichnet. Drei

Kinder nannten XXX als bester Freundin

•          Frage 2: Wen magst du nicht so gerne leiden? XX wurde nicht und XXX dreimal genannt.

•          Frage3:  Hier erhielten XX und XXX je zwei Stimmen

•          Frage4: Bei dieser Frage wurden XX und XXX nicht genannt

•          Frage 5:  Hier bekam XX einen Punkt und XXX wurde nicht genannt

•          Frage6. XX erhielt drei Punkte, XXX keinen

•          Frage7: Hier wurde XX viermal genannt, XXX erhielt zwei Nennungen

•          Frage8: XX wurde von sechs Mitschülern, XXX von drei Mitschülern genannt

•          Frage 9: Hier erhielt XX vierzehn Nennungen, XXX elf

•          Frage 10: XX erhielt zwei Stimmen, XXX keine

•          Frage 11:  XXX erhielt hier fünfzehn, XX dreizehn Stimmen

 

Dieses Ergebnis erstaunte mich, ich hatte damit gerechnet, bei den Fragen 4,7,8 und 10 eine wesentlich höhere Benotung für beide Mädchen von ihren Mitschülern zu erhalten. Das Ergebnis zeigt deutlich, dass die Sicht der Erwachsenen auf XX und XXX nicht identisch mit der Sicht der Peergroup ist.

 

 

4.5. Interview mit dem Vater von XX

Vor dem Durchführen eines Interviews ist es nötig, sich über die zu stellenden Fragen klar zu werden. Was möchte ich erfahren, um welches Thema soll es in dem Interview gehen. Sinnvoll ist ein Brainstorming, hier werden alle benötigten interessanten Punkte gesammelt. Kurze geordnete Interviewfragen werden zusammengestellt und schriftlich festgehalten. Interviews sind eine Methode der Informationsbeschaffung und der Recherche, um einen Einzelnen oder eine Gruppe nach ihrer Meinung, Erfahrung oder Informationen zu befragen. Es ist nötig, auch während des Gesprächs das Thema nicht aus den Augen zu verlieren. Das Thema sollte sich wie ein roter Faden durch das Gespräch führen.

Das durchgeführte Interview befindet sich im Anhang dieser Arbeit.

 

5. Fazit

 

Die Autoren Forer und Still schreiben: „Erstgeborenen fällt es oft schwerer als anderen Menschen, Freundschaften zu schließen. Die starke Betonung von Leistung, Wettbewerb und Autorität lässt  die Persönlichkeit des Erstgeborenen oft weniger attraktiv erscheinen als die des Einzelkindes, das einen gewissen Charme gelegt hat, oder die nachgeborener Kinder, die mehr Wert auf zwischen-menschliche Beziehungen als auf Leistung legen“ (Forer & Still, 1982, S. 126). Diesem Zitat kann ich nicht folgen. Vielleicht ist es die Verantwortung für die jüngeren Geschwister, das funktionieren müssen, um eine Entlastung für die Eltern zu gewährleisten. Das sich über die Verantwortung für die Familie bewusst zu sein, dass die Erstgeborenen so vernünftig und strukturiert erscheinen lässt. Es hat den Anschein, dass die Geburtsreihenfolge und den unausgesprochenen Auftrag, den man hierdurch erhält, beeinflussend für viele dieser Kinder ist. Prägend ist aber auch die Gesellschaft, in der dieses Kind aufwächst, die Stellung der Eltern, seine Sozialisation, sein Temperament, die Werte und Formen seiner Zeit, seine Erziehung und Bildung und das Gefühl des angenommen seins und des sich verstanden fühlen. Da die Familienstrukturen sich in den letzten Jahren geändert haben und die Zahl, der in einer Familie geborenen Kinder sich stark verringert hat, finden wir heute häufig nur ein Kind in der Familie. Dieses Kind ist aber nicht nur Einzelkind, es kommen auch auf dieses Kind die Aufgaben des Erstgeborenen zu. Es wird in der Zukunft bei gleichbleibender Familienentwicklung mehr Erstgeborene geben.

Bei der Auswertung der Beobachtungssituationen ergaben sich wesentliche Erkenntnisse. Es kann hier nur Spekulation und kein wissenschaftlicher Beleg sein, aber die Situation dieser Beobachtung kam mir vertraut vor. XX kümmert sich pflichtbewusst und zuverlässig um ihre jüngeren Geschwister, erwartet aber, dies ist immer wieder beobachtbar, Gehorsam von diesen und fordert diesen auch ein. Ist dies also das Verhalten der Erstgeborenen? Ist es das Verantwortung übernehmen und die Richtung vorgeben, gekoppelt mit dem sich daraus ergebenen Recht, zu bestimmen und eigene Ansichten anderen aufzuzwingen[3]? Wissenschaftlich belegbar ist dies aus den gemachten Beobachtungen nicht. Hierfür bräuchte es eine breitangelegte wissenschaftliche Studie. Zu viele andere Faktoren können das Verhalten von XXX und XX deutlich mitbestimmen und beeinflussen.

Was kann ich aus dieser Beobachtung erfahren? XXX sollte lernen, auch andere Kinder ihrer Gruppe bei Entscheidungen mit einzubeziehen. Dies birgt die Chance eine bessere Stellung innerhalb der Schulklasse zu erlangen. Sie muss Verantwortung für alltägliches Geschehen innerhalb der Gruppe auch abgeben können und lernen, Wünsche anderer zu berücksichtigen. Wie aber kann ich in meiner Arbeit mit ihr dieses Verhalten fördern. Naheliegend sind Aufgaben, die nur im Team gut gelöst werden können und Vertrauensübungen, bei denen XXX lernt, sich ihren Freundinnen und Mitschülern anzuvertrauen.

XX benötigt Hilfestellungen um ihre Unsicherheit und ihr mangelndes Eintreten für eigene Bedürfnisse zu überwinden. Die ersten Schritte sind mit dem gelungenen Veröffentlichen eines eigenen Lieds in ihrer Mädchenband im Freizeitbereich der Schule gemacht.

Erstaunlich ist die ganz unterschiedliche Einschätzung von Erwachsenen[4] und der Peergroup. Der Schwerpunkt der Beurteilung des Sozialverhaltens der Erwachsenen liegt im guten und zuverlässigen Funktionieren der beiden Mädchen. Die Sicht der Klassenkameraden ist eine andere. Sie erkennen, so ist aus der Umfrage zu schließen, den nahen und engen Kontakt von XXX und XX zu den Erwachsenen und ihren Wunsch diesen zu gefallen und zu entsprechen. Dies scheint aber nach der Auswertung für die beiden Mädchen auch Probleme innerhalb der Gruppe der Gleichaltrigen zu ergeben. Hier braucht es einen wachsamen Blick, auch auf das Verhalten der Erzieher. Es kann meiner Meinung nach, nicht im Interesse der beiden Mädchen sein, diese durch zu enge Nähe zu den Erwachsenen, von der Peergroup zu entfernen. Ob das Verhalten XXXs und XXs ausschlaggebend von ihrer Geburtsreihenfolge innerhalb ihrer Familie abhängt, kann nicht abschließend beantwortet werden. Denkbar ist ein Zusammenhang. Wie groß dieser Einfluss und die Prägung hierdurch sind, lässt sich aber ohne geeignete wissenschaftliche Studien nicht nachweisen. Sinnvoll erscheint mir aber, für einen Ausgleich dieser von beiden Mädchen übernommenen Verantwortungen innerhalb der Gruppe zu sorgen. Inwieweit hierfür Möglichkeiten bestehen, muss überprüft werden. Erste Ansätze haben bereits stattgefunden. So hat XX mit zwei anderen Mädchen der Klasse einen Song aufgenommen und veröffentlicht. XXX hat ihre Leidenschaft fürs gemeinschaftliche Töpfern entdeckt. All dies kann nur ein Anfang sein, aber nur Nachhaltigkeit hierbei, wird eine Entlastung der Beiden bewirken.

Das Interview mit XX Vater zu Erlangung weiterer Informationen über XX Verhalten auch außerhalb der Schule ist zur Verwendung nicht verwertbar. Die Grundsätze eines funktionierenden Interview wurden aus damaligen mangelndem Wissen nicht von mit berücksichtigt. Dieses fehlende Wissen habe ich jetzt erlangt und denke in Zukunft auch gelungene Interviews durchführen zu können.

Die Soziogramme, die im Freispiel auf dem Schulhof entstanden sind, sind natürlich nur eine Momentaufnahme der sozialen Beziehungen. Interessant ist die Tatsache, dass XX im freien Spiel auch den Kontakt zu einigen Jungen der Klasse sucht und dies auch von einem Jungen erwidert wird. Bei zugeteilten Aufgaben möchte XX üblicherweise nach Möglichkeit immer im Team mit anderen Mitschülerinnen arbeiten.

Die individuelle Entwicklungsbegleitung der beiden Mädchen hat viele neue Erkenntnisse und zum Teil für mich überraschende Ergebnisse gebracht. Ohne eine intensive gezielte Beobachtung mir den unterschiedlichsten verwendenden Beobachtungsmethoden wäre es mir nicht möglich gewesen, die umfangreichen Zusammenhänge im Verhalten der beiden Mädchen zu erkennen und entsprechend in der Zukunft handeln zu können.

6. Literaturverzeichnis

Forer, L., & Still, H. (1982). Erstes, zweites, drittes Kind…,Welche Bedeutung hat die Geschwisterreihenfolge für Kinder, Eltern, Familie? Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag.

Forer, L., & Still, H. Großer Bruder, kleine Schwester Die Geschwisterreihe und ihrer Bedeutung. Köln1979: Kiepenheuer und Witsch.

König, K. (2008). Brüder und Schwestern, Geburtsfolge als Schicksal. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht.

Leman, K. (1986). Geschwister Konstelationen Die Famielie bestimmt ihr Leben. München: Claudius Verlag.

Preskop, J. (2003). Erstgeborene über eine bisondere Geschwisterposition. München: Kösel- Verlag.

Psychologie 48.com. (kein Datum). Abgerufen am 2. 7 2011 von Das Psychologie-Lexikon: http://www.psychology48.com/deu/d/soziometrie/soziometrie.htm

Ramseger, J., Preissing, C., & Pesch, L. (2009). Berliner Bildungsprogramm für die offene Ganztagsgrundschule Gestaltungsprinzipien, Aufgabenfelder und Entwicklungsziele. Weimar,Berlin: Verlag das Netz.

Steudel, A. (2008). Beobachtungen in Kindertageseinrichtungen Entwicklung einer professionellen Methode für dei pädagogische Praxis. Weinheim und München: Juventa.

Susanne Viernickel, P. V. (2005). Beobachten und Dokumentieren im pädagogischen Alltag. Freiburg: Herder Verlag.

Ulrich, B. (2004). Geschwisterrollen von Prinzen und Nesthäkchen. Herbolzheim: Centaurus Verlag.

 


 

 


[1] Es gibt in der Literatur keine eindeutige Definition des Begriffs soziale Kompetenz. Zu Berücksichtigen ist an dieser Stelle, dass der Begriff soziale Kompetenz nicht nur vom Individuum, sondern auch von Situationsmerkmalen und sozialen Anforderungen eingeschätzt werden muss. Allgemein wird unter Sozialkompetenzen alle Fähigkeiten verstanden, die es ermöglichen effektiv mit anderen Menschen zu leben und zu arbeiten. In dieser Arbeit wird unter sozialer Kompetenz die Fähigkeit   verstanden, angemessene soziale Fertigkeiten im kognitiven, emotionalen und motorischen Bereich im Umgang mit anderen Menschen einzusetzen. Sozialkompetenzen sind alle Fähigkeiten, die es ermöglichen effektiv mit anderen Menschen zu leben und zu arbeiten. In dieser Arbeit wird unter sozialer Kompetenz die Fähigkeit   verstanden, angemessene soziale Fertigkeiten im kognitiven, emotionalen und motorischen Bereich im Umgang mit anderen Menschen einzusetzen.

 

[2]  An dieser Umfrage nahmen 12 von 33 Erziehern der Einrichtung teil

[3] Siehe Beobachtung der Geburtstagsvorbereitung

[4] In diesem Fall das Erzieherteam

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