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Geschichte der Kindheit

In dem Seminar „Geschichte und Theorie von Erziehung und Bildung“ habe ich mich für die Bearbeitung des Themas „Geschichte der Kindheit“ entschieden, da ich es interessant finde zu erfahren, wie sich das „Bild vom Kind“ in den letzten Jahrhunderten verändert hat und welche Entwicklung sich in Bezug auf die Erziehung vollzogen hat. Insbesondere
interessant finde ich den Aspekt, was „Kindheit“ in der mittelalterlichen Epoche bedeutete. In meinem Text möchte ich den Wandel vom „Bild des
Kindes“ darstellen. Ich habe diese Hausarbeit in zwei unterschiedliche Abschnitte aufgeteilt.
Im ersten Teil beziehe ich mich auf das Werk von Philippe Ariès: „Die Geschichte der Kindheit“, welches die Epochen vom 15. bis zum 20. Jahrhundert darstellt. Im zweiten Teil blicke ich kurze auf die Einrichtung der Institution Schule, Kritik an Ariès Werk und dem Wandel des Familienlebens. In dieser Arbeit soll insgesamt ein Vergleich von der mittelalterlichen Epoche bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts gezogen und der Frage nachgegangen werden, welche Entwicklungen und Wandlungsprozesse stattgefunden haben. Kurz werde ich auch auf das
Bild der „Familie“ und die damalige Gesellschaftsstruktur eingehen.

Die Geschichte der Kindheit

Eine bedeutenden Beitrag zur Aufarbeitung der Geschichte der Kindheit
trägt der Autor Philippe Ariès bei. In seinem Hauptwerk „Geschichte der
Kindheit“ sagt er: „Kindheit als eigenständigen Lebensabschnitt im
heutigen Sinne, hat es im Mittelalter nicht gegeben“ (Ariès, 1977, S.
209ff.). Nach einer kurzen Phase der Säuglingsbetreuung, begann die
sofortige Entwöhnung von der Mutter bzw. der engsten Bezugsperson.
Sobald ein Kind selbständig laufen konnte, trat es in ein sogenanntes
„Lehrlingsverhältnis“ ein. Dies bedeutete in der damaligen Zeit, das dem
Kind die wichtigsten Kenntnisse und Fertigkeiten beigebracht wurden, die
es zum Überleben brauchte. Für die Kinder wurde auch keine gesonderte
Kleidung genäht, vielmehr trugen sie die gleichen zweckmäßigen Kleider
wie die Erwachsenen, spielten die gleichen Spiele und wurden in den
täglichen Arbeitsroutinen unterrichtet. Ein auf das Lebensalter des Kindes
abgestimmtes Lernen gab es nicht. Von Klein auf, mussten sie im Haus,
bei der Viehzucht oder bei der Feldarbeit helfen.
Das Kind hatte keine getrennten Lebensbereiche. In der damaligen
Vorstellung, war Kindheit geprägt von Abhängigkeit und Züchtigung. In der
Hierarchie stand es weit unten, musste zunächst viele Dienste verrichten.
Das Leben des Kindes war gekennzeichnet durch Arbeit und Gehorsam.
Hinsichtlich der emotionalen Zuwendung, musste das Kind auch
Entbehrungen hinnehmen. In seinem Werk schreibt Aries, es wurde
„verhätschelt“, was aber nicht in unserem heutigen Sprachgebrauch zu
verstehen ist. Vielmehr vergleicht er es mit einer Behandlung, die auch
den Tieren zu Teil wurde. Wenn das Kind starb, was in dieser Epoche
häufig vorkam, wurde dies nur mit einer kurzen Betrübung aufgenommen.
Die Sterblichkeitsrate von Säuglingen war enorm hoch. Die Frau gebar ihr
nächstes Kind und der Verlust war deshalb nicht schwerwiegend. Die
traditionelle Familien-Gemeinschaft war geprägt von Idee, dass nur die
körperlichen Grundbedürfnisse wie Gesundheit, Ernährung und Schutz,
vorrangig befriedigt werden müssten. Eine individuelle Förderung oder
intensive emotionale Bindung zu dem Kind, war nicht üblich. Das
Überleben in dieser Epoche wurde nicht von dem Einzelnen gesichert,
sondern konnte nur durch die Gemeinschaft/Gruppe sichergestellt werden.
Somit wurde eine entwicklungsgerechte Förderung des Kindes nicht
bedacht. Das Wissen über die Entwicklungsschritte, die ein Kind
durchläuft, waren zu dieser Zeit nicht bekannt.

Wandel der Kindheit

Mit Beginn des 17. Jahrhunderts bildete sich langsam auf Seiten der
Erzieher und „Moralisten“ eine andere Sichtweise auf den Lebensabschnitt
„Kindheit“ heraus.
Das „Bild vom Kind“ war bisher charakterisiert durch eine erniedrigende
Behandlungsweise. Jedoch setzte sich im Laufe des 16. und 17.
Jahrhunderts eine geistige Gegenströmung durch. Ein Vertreter dieser
Gegenströmung war Montaigne. Er sagt: „Es scheint, dass die armen
Kinder zu nichts anderem da sind, als um die Erwachsenen zu zerstreuen,
als seien sie Hündchen oder Äffchen“ (Aries, S.21 Montaignes „Die
Äffchen“). Dieser beklagte sich außerdem bereits vor 500 Jahren darüber,
dass z.B. der Schulunterricht nicht auf die Individualität des Kindes
eingehe. Durch die Weiterentwicklung und theoretische Auseinander-
setzung mit den „Entwicklungsschritten des Kindes“ wurde Kindheit anders
charakterisiert und beschrieben. Das Kind wurde nun als ein physiologisches
Wesen mit individuellen Eigenschaften betrachtet.
Die sogenannten „Moralisten“ sahen in dem Kind das Ebenbild eines
Engels. Dieser wurde im Christentum im hohen Maße geliebt und verehrt.
Die „Moralisten“ lehnten es ab, das Kind als ein reizendes „Spielzeug“ zu
betrachten, sie sahen vielmehr in dem Kind ein „zerbrechliches Geschöpf
Gottes“. Aries ist der Meinung, Kindheit sei eine Erfindung der Neuzeit.
Erst der Einfluss der Kirche und der Moralisten habe zu einer gesonderten
Erziehung und einem veränderten Bild vom Kind geführt.
Gegen Ende des 17. Jahrhunderts versuchte man Nachgiebigkeit und
Vernunft zu verbinden. Der französische Autor Abbé Goussault schrieb
dazu : „Man sollte mit Kindern oft vertraulich umgehen, sie über alles
sprechen lassen, sie wie vernünftige Menschen behandeln und sie durch
Milde zu gewinnen suchen – ein unfehlbares Mittel, um mit ihnen machen
zu können, was man will“ (in: Portrait „D‘une bonne femme“, in Ariès, S.
216)

Die traditionelle Gesellschaft

Mit Beginn des 18. Jahrhunderts wird durch den Einfluss der Kirche und
der Pädagogen, zunächst nur in den wohlhabenden Schichten, das
Interesse an der „Erziehung“ neu definiert. Das Kind ist nicht „amoralisch“
(Ariès S.10), es benötigt einen besonderen Schutz zur Erziehung. Die
Sichtweise auf die Kindheit hat sich soweit verändert, dass man sich nun
bemühte, die kindlichen Eigenheiten zu beobachten, um sie besser
kennenzulernen und zu verstehen. Gefühle wie „Liebe“ und „Zuneigung“
wurden innerhalb der Familie durchaus gezeigt, jedoch galten sie
meistens als „Luxus“. Die gefühlsmäßige Bindung und die sozialen
Kontakte wurden nicht im Familiengefüge, sondern außerhalb der
traditionellen Gemeinschaft gesucht. Die soziale Gemeinschaft setzte sich
aus Nachbarn, Freunden, Herren und Kindern zusammen. In einer
solchen Gemeinschaft war auch eine ungezwungene Kommunikation und
gefühlsmäßige Bindung sichtbar. Die französischen Historiker bezeichneten die geselligen Zusammenkünfte, die gegenseitigen Besuche und Feste als sog. “Sozialität“ (Ariès S. 47).

 Die Institution Schule

Ende des 19. Jahrhunderts vollzog sich bezüglich dieser Lebensform ein
entscheidender Wandel. Das Kind verbrachte bisher den Großteil seiner
Kindheit in den unmittelbaren Lebenszusammenhängen der Erwachsenen,
dann trat die Institution Schule als Erziehungsinstanz in den Mittelpunkt.
Der Bildung und Ausbildung wurde im 19. Jahrhundert ein sehr großer
Stellenwert beigemessen, Um den beruflichen Anforderungen gewachsen
zu sein, entstand laut „Neumann“ zu dieser Zeit ein allgemeines
Schulwesen. Die Institution Schule war geprägt durch strenge Kontrolle,
Disziplin und Züchtigung. Zu Beginn des Mittelalters besuchte das Kind
ein bis zwei Jahre die Schule. Im 18. und 19. Jahrhundert waren es bereits
vier bis fünf Jahre. Erst durch diesen Entwicklungsprozess erhielt das Kind
einen eigenen Lebensbereich und die damit verbundene „Kindheit“. Die
„Kindheit“ entwickelte sich allmählich von einer „Familien-Kindheit“ zu
einer „Schul-Kindheit“. Werte wie Pünktlichkeit, Gehorsamkeit und
Frömmigkeit, waren jetzt maßgebend.
Nach der Schulausbildung folgte meistens der Eintritt in den Bund der
„Ehe“. Daraus entstand ein neuer Familienverbund, zu dem die Ehegatten,
Eltern und Kinder gehörten. Die Eltern interessieren sich jetzt zunehmend
für die Ausbildung und das Studium ihres Kindes. Zum ersten Mal wird
sich nach den Bedürfnissen des Kindes gerichtet, das damit auch aus
seiner Anonymität heraustreten kann.

Kritik an Ariès Werk

In Ariès Werk „Geschichte der Kindheit“ ist das alltägliche
Zusammenleben der Familie ausführlich erläutert worden. Das damalige
Verhältnis der Erwachsenen zu ihren eigenen oder verwandten Kindern
wurde herausgearbeitet. Die psychischen Befindlichkeiten und die
emotionalen Entwicklungsprozesse der Kinder wurden hingegen nicht
erläutert. Ein Schwerpunkt der Geschichte der Kindheit, bildete die
Epoche des Mittelalters. In den darauf folgenden Jahrhunderten, die
geprägt waren von gesellschaftlichen, kulturellen und wirtschaftlichen
Entwicklungsprozessen, veränderten sich auch die Lebensformen. Die
Geschichte des Kindes ist gleichermaßen ein langsamer historischer
Prozess, der von den gesellschaftlichen Strukturen in der Zeit des
Mittelalters bis hin zur Entwicklung der Industrialisierung abhängig ist. Der
französische Historiker Lucien Febvre beschreibt diesen Wandel treffend:
„Bestimmte Dinge die in einer bestimmten Epoche und in einer
bestimmten Kultur möglich und umstritten waren, sind dies in einer
späteren Epoche und Kultur nicht mehr.“

 Der Wandel des Familienlebens

Das Bild von Familie im heutigen Sinne ist geprägt von der Vorstellung
gegenseitiger Liebe, Zuneigung, Schutz und Geborgenheit. Diese
romantische Vorstellung von „Liebe“ existierte in den letzten
Jahrhunderten nicht. Die Familie war vielmehr eine Hausgemeinschaft, die
hauptsächlich an das Überleben der Gemeinschaft interessiert war. Erst
ab dem 17. Jahrhundert entwickelte sich die bürgerliche Familie und
gefühlsmäßige Bindungen an das „Liebesobjekt“ standen im Vordergrund.
Eine von Gefühlen getragene Beziehung zum Kind und zum
Lebenspartner konnte sich so entwickeln, da die Frau nicht mehr einzig
den Stellenwert einer Arbeitsgefährtin einnahm. So diente die Familie nicht
mehr einzig als Wirtschaftseinheit, in der es darum ging, das Leben zu
sichern, sondern fungierte auch also Ort der „Nähe“ und des “Heimeligen“,
wo die Familienmitglieder Schutz und Geborgenheit bekamen.
Emotionale Bindungen konnten zwischen Ehepartnern sowie Eltern und
Kindern aufgebaut werden. Es fand ein emotionaler und kommunikativer
Austausch statt. Von nun an versuchte, man dem Kind eine berufliche
Perspektive zu bieten. Das Bild von Kind hat sich zu dieser Zeit so
verändert, dass es nun um seiner selbst Willen geliebt wurde. Es erhielt
eine eigene Wertschätzung und konnte sich mehr und individueller
entwickeln. Seit dem 19. Jahrhundert verbreitete sich diese Entwicklung in
allen gesellschaftlichen Ständen und Schichten.

Literaturverzeichnis

Aries ,Philippe: ( 1960) Geschichte der Kindheit, 4. Auflage 1977
Hermsen Edmund: (2006) Geschichte der Kindheit vom Mittelalter bis in die
Gegenwart
Neumann,K. (1993) Zum Wandeel der Kindheit vom Ausgang des Mittelalters bis
an die Schwelle des 20. Jahrhunderts. In Marefka, M., Nauck,B. (1993).

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