Gemeinsam besser

Cybermobbing in frühkindlichen Bildungseinrichtungen Philipp Behar-Kremer

 

   Philipp Behar- Kremer

Sozial- und Medienpädagoge, Mediator, Eltern- Medien-Trainer, Körper- und Physiotherapeut, Fachmann zum Thema Cybermobbing

 

Herr Behar-Kremer, sie leiten unter anderem Seminare zum Thema Mobbing/ Cybermobbing und führen Beratungen zu diesen Themen auch an Schulen durch. Danke, dass sie sich heute für ein Interview zum Thema Cybermobbing in frühkindlichen Bildungseinrichtungen Zeit nehmen.

Zu Beginn bitte ich sie Cybermobbing zu definieren und die Unterschiede zwischen Mobbing und Cybermobbing aufzuzeigen.

Meine Definition zu Cybermobbing leite ich von der Definition von Mobbing ab. Das heißt, es muss absichtlich, wiederholt und über einen längeren Zeitraum geschehen. Den Unterschied zwischen Mobbing und Cybermobbing sehe ich darin, dass der Punkt des Wiederholens hier nicht so ausgeprägt sein muss. Es müssen nicht erst zehn diffamierende Bilder einer Person ins Netz gestellt werden um von Cybermobbing reden zu können, hier reicht eine eindeutig motivierte Aktion. Den Vorsatz der Schädigung muss aber vorhanden sein. Natürlich unterscheidet sich Cybermobbing von normalem Mobbing durch die Benutzung der digitalen Medien wie Handy und Internet für diesen Zweck.

Ist Cybermobbing ihrer Meinung nach ein Thema und Problem für Schüler hier in Berlin?

Ja, auf jeden Fall. Meiner Erfahrung nach zeigt sich das eine große Anzahl von Schülern durch Cybermobbing betroffen sind. Einschränkend muss man aber hier erwähnen, dass nicht jedes Schimpfwort auf Facebook ein Mobbingfall ist und nicht jeder dort ausgetragene Konflikt als Mobbing begriffen werden kann. Davon abgesehen sind mir viele Fälle von Cybermobbing mir gravierenden Auswirkungen auf das Leben der Schüler bekannt, eine große Zahl von Schülern hier in Berlin leidet unter Cybermobbing. Es ist also auf jeden Fall ein Thema.

Können sie einen konkreten Fall von Cybermobbing an einer Berliner Schule schildern?

Einer der dramatischsten Fälle ereignete sich nicht direkt in Berlin, sondern im Umland von Berlin.

Dieses Beispiel wurde zur Veröffentlichung dieses Interviews aus Gründen des Schutzes des Gemobbten entfernt.

Informationen zum Thema Cybermobbing gibt es mittlerweile schon in großer Zahl. Woran liegt es ihrer Meinung nach, das so viele Erwachsene, hier meine ich Eltern und Pädagogen, offensichtlich ein so großes Problem im Umgang mit Cybermobbing haben?

Der Begriff Cybermobbing ist mittlerweile bekannt, aber viele Erwachsene haben keine direkte Vorstellung von den Möglichkeiten des Mobbings im Netz sowie mit Hilfe der digitalen Medien. Ich denke, dass liegt häufig auch am Generationsunterschied. Vielen Lehrern der heutigen Zeit fehlt der konkrete Umgang mit den neuen Medien. Diese Personengruppe benutzt den Computer und das Internet um ihrer Mails abzurufen und auch noch zur Informationsbeschaffung. Auf sozialen Netzwerken wie Facebook sind viele Lehrer nicht so häufig zu finden. Sie telefonieren um sich zu verabreden. Häufig verstehen die Erwachsenen auch nicht, was für die Jugendlichen so reizvoll an der aktiven Nutzung von Facebook ist. Dies, denke ich, wird sich in der nächsten Zeit verändern. Jüngere Lehrer werden zum Kollegenteam der Schule hinzu kommen und diese sind häufig aktive Nutzer von social Networks. Also, ich denke dass es häufig Unsicherheit und Unkenntnis unter den Erwachsenen wie Eltern und Pädagogen ist, die ein adäquates Handeln in einem Fall von Cybermobbing so erschwert. Viele Lehrer empfinden es auch nicht als ihre Aufgabe in einem solchen Fall zu handeln, da der Tatort nicht räumlich in der Schule liegt. Es muss aber zur Entlastung der Lehrer erwähnt werden, dass Mobbing, und hier vor allem Cybermobbing, häufig schwer zu erkennen ist. Es kann nur in der Schule erkannt werden, wenn es in irgendeiner Form dem Pädagogen zugetragen wird.

Bei der Elternschaft erhält sich dies ähnlich. Jugendliche sind dabei sich von Elternhaus abzunabeln und eigen Wege zu gehen. Sie empfinden häufig eine große Schäm bei dem Eingeständnis von Mitglieder der Peergroup fertig gemacht zu werden. Sie wollen in diesem Abschnitt ihrer Entwicklung große Souveränität zeigen, eine Bitte um Hilfe in einem, häufig sehr intimen Fall, erleben diese als Katastrophe. Auch befürchten die Kinder und Jugendliche als Reaktion ihres im Netz gemobbt werden das Verbot der Eltern weiterhin in sozialen Netzwerken aktiv sein zu dürfen. Dies käme einer weiteren Isolation und Ausgrenzung der Jugendlichen gleich.

Kann Cybermobbing ihrer Erfahrung nach krank machen?

Cybermobbing kann krank machen, das denke ich auf jeden Fall. Normales Mobbing führt schon durch die psychische Belastung zu Krankheiten. Cybermobbing spricht nach neuesten Erkenntnissen der Neurobioligen, hier möchte ich Bauer  mit seinem Buch Schmerzgrenze nennen, in unserem Gehirn die gleichen Regionen an, die für das Empfinden körperlichen Schmerzes zuständig sind. Das heißt: Soziale Ausgrenzung wird wie körperlicher Schmerz empfunden. Nur reagieren viele Menschen eher bei körperlicher Gewalt. Nehmen wir zum Beispiel die Elternschaft. Wenn ich Eltern mitteile, ihr Kind wird hier jeden Tag geschlagen kann man davon ausgehen, dass diese dieses nicht dulden werden und aktiv diese Taten in der Zukunft verhindern werden. Wie sieht es aber bei Mobbing aus? Hier ist, meiner Erfahrung nach, die anfängliche Toleranz einer solchen Straftat gegenüber größer. Hier wird später eingegriffen und entsprechende Schritte gegangen. Die Definition für Mobbing in der Arbeitswelt ist eine Ausgrenzung über einen Zeitraum von einem bis drei Monaten. Bei körperlichen Übergriffen wäre eine solche Zeitspanne vor dem abstellenden Eingriff nicht vorstellbar. Wenn ich ausgegrenzt werde, und ich empfinde dies wie körperlichen Schmerz, bin aber auf mich alleine gestellt ohne Hilfe, komme in eine Außenseiterposition und habe Angst. Das Bedeutet, ich komme angstvoll zur Schule. Hierdurch erhöht sich der Adrenalingehalt in meinem Körper, denn ich muss jeder Zeit damit rechnen angegriffen zu werden. Ich muss ständig aufmerksam mein Gegenüber beobachten, stehe also ständig unter Anspannung. So eine Situation hält der Körper nicht lange aus ohne krank zu werden. Es treten somatische Schwierigkeiten auf, man verliert in Folge hierdurch häufig das Körpergefühl. Bezeichnend bei meiner Arbeit als Trainer für Opfer von Gewalttaten ist das vermehrt durch die erlittene Tat fehlende Koordination dieser. Es ist fast wie eine Abspaltung durch die erlittenen Taten. Bei Cybermobbing kommt noch verschärfend gegenüber normalem Mobbing hinzu, dass es häufig keinen geschützten Raum mehr gibt. Nirgends ist man mehr Safe. Diese Erfahrung, sich auch in der privatesten Intimsphäre, unsicher zu fühlen macht definitiv krank. Laut Studien ist ein Zusammenhang von Mobbing und auch Cybermobbing im Kindes- und Jugendalter und der Präferenz späterer Depressionen und Angstzuständen, sowie ein Gefühl der Unsicherheit im Erwachsenenalter erkennbar. Dies hängt, so vermute ich, mit der benötigten sicheren Bindung im Kleinkindalter zusammen. Denn egal wie schlecht die Welt zu mir ist, zuhause fühle ich mich sicher. Wenn ich also im privatesten Bereich nicht sicher bin, kann die fatale Folgen für mein Vertrauen in mich und meine Umwelt haben.

Welche Möglichkeiten der Hilfe bei Cybermobbing werden in Berlin geboten?

Also, welche Hilfen werden angeboten? Möglich ist, die ja bekannte Nummer gegen Kummer anzurufen, oder alternativ sich bei Pädagogen der besuchten Einrichtung Rat und Hilfe zu holen. Es besteht auch die Möglichkeit sich an die Schulpsychologisches Beratungszentrum der Senatsverwaltung zu wenden. Auch die Polizei mit ihrer Präventionsstelle zum Thema Mobbing wäre eine Anlaufstelle bei Cybermobbing. Die Mobbingberatungsstelle für Berlin und Brandenburg kann Hilfe und Unterstützung leisten. Häufig ist es auch für die Opfer von Cybermobbing hilfreich, das Erlebte mit einem Therapeuten aufzuarbeiten. Wenn die Hilfe eines Therapeuten nötig wird ist schon, so kann man sagen, wohl bei der Prophylaxe zu diesem Bereich, Verhindern von Mobbing, was schief gelaufen.

Denken Sie, dass schon vor dem Auftreten eines Mobbingfalles vorbeugende Maßnahmen nötig sind und welche Tipps haben sie für die Erwachsenen?

Das große Ziel muss es sein Cybermobbing zu verhindern, also in einem großen Netzwerk Fachleute zu diesem Thema, die Pädagogen und Eltern zu vereinen und präventiv zu arbeiten. Eine wünschenswerte Intervention wäre mehr Demokratie an Schulen, also Demokratiepädagogik. Hierzu gehört auch die Einführung eines Klassenrates flächendeckend an allen Schulen hier in Berlin. Mit diesem demokratischen Mittel lernen die Kinder und Jugendlichen Eigenverantwortung, Verantwortung für andere zu übernehmen, Stellung zu Themen zu beziehen und selber Einfluss auf das Gruppenverhalten zu nehmen. Hier lernen sie organisatorische Fähigkeit um Konflikte selbständig in der Gruppe bearbeiten zu können, sie zu verbalisieren. Soziales Miteinander ist schon der erste Schritt der Mobbingprävention. No Blame Approach erweist sich in der Praxis bei Mobbing als geeignete Methode, ist der Konflikt noch nicht zu verfestigt. In dem Vorgehen, ohne Schuldzuweisung, bietet sich eine Chance für eine Veränderung und Überdenken des eigenen Verhaltens des Täters und seiner unterstützenden Helfer. Dies ist eine einfühlsame Methode mit jüngeren Schülern tiefer ins Gespräch zu gelangen. Hier wird nicht stigmatisiert, hier wird nicht von Opfern und Tätern gesprochen, sondern von Betroffenen. Als Betroffener bin ich ein Teil des Geschehens und kann mein Verhalten auch ändern. Diese Methode näher zu erläutern würde hier zu weit führen, ich kann sie aber jedem Pädagogen in diesem Zusammenhang wirklich sehr empfehlen. Es lohnt, sich damit zu beschäftigen. Jeder Schüler hat das Recht, dass es ihm in der Schule gut geht und so muss es eine vorrangige Aufgabe aller Pädagogen sein, dies auch zu gewährleisten. Bei verhärtetem Mobbing, Cybermobbing wird diese Methode vielleicht nicht ausreichen, hier müsste auch über Sanktionen nachgedacht werden.

Was Eltern und Pädagogen häufig fehlt sind nicht die Erklärungen was Cybermobbing, ist sondern Hilfsmittel und Methoden der Verhinderung und der Aufarbeitung. Aber auch schon zu einem viel früheren Zeitpunkt muss im Vorfeld für die Stärkung der Persönlichkeit des einzelnen Kindes, seine Resilienz zu fördern, gesorgt werden. Auch das allgemeine Klima innerhalb des Klassenverbandes hat zur Verhinderung von Mobbing eine entscheidende Bedeutung. Informationen zu Cybermobbing und seine Auswirkungen sind schon von Wichtigkeit, was aber vor allem zählt, sind die praktischen Anwendungen. Sozialverhalten muss gelebt und auch von den Erwachsenen vorgelebt werden. So wie ein kleines Kind seine Umge-bung begreift um zu verstehen, so müssen Kinder und Jugendliche soziales Verhalten erleben, um es zu erlernen. Streitschlichter-Programme und Konfliktlotsen an einer Schule bilden hier eine gute Möglichkeit zu lernen Konflikte selbst und in der Gruppe zu bearbeiten und zu lösen.

Was wünschen sie sich zum Thema Cybermobbing?

Wünschen würde ich mir, dass in der Grundschule in jeder einzelnen Stunde soziales Verhalten mit eine Rolle spielt und soziale Kompetenz eines Schülers als Wert in der Schule erkannt wird. Ein Miteinander bringt immer Schwierigkeiten und Probleme, es kommt aber darauf an, eine Lösung auszuhandeln, die für alle Betroffenen akzeptabel ist, hier liegt die Kunst. Es ist nicht hilfreich, den Schülern eine heile Welt unter dem Personal der Schule vorzugaukeln. Sinnvoller wäre es, den Kinder und Jugendlichen zu zeigen, wie man selbst einen Konflikt mit einem Kollegen so löst, dass sich nicht der Eine danach als Verlierer fühlt. Das ist manchmal eine hohe Kunst und gelingt auch nicht immer. Dies hat aber Vorbildfunktion für die beobachtenden Kinder. Dies wird, davon kann man in vielen Fällen ausgehen, auch das eigenes Verhalten der Kinder und Jugendlichen in einem solchen Fall beeinflussen.

Davon unabhängig halte ich es für wichtig in der Schule den Schülern zu zeigen wie man sich z.B. auf Facebook schützen kann, also die Möglichkeiten der Einstellung der Privatsphäre. Auch wenn die Kinder der Grundschulen natürlich vom rechtlichen Standpunkt aus gesehen noch nicht auf Facebook ein Account haben dürfen, ist es trotzdem schon zu diesem Zeitpunkt von Wichtigkeit, sie auf Sicherheitsmög-lichkeiten hinzuweisen. Auf Elternabenden rate ich den Eltern immer, spielen sie doch mal ein Computerspiel mit ihren Kindern, lassen sie sich doch mal Facebook erklären. Die Kinder und Jugendlichen haben die Medienkompetenz, die Erwachsenen verfügen über einen großen Schatz an Erfahrungen. Sie können die Aspekte des kritischen Blickes einbringen, eine gute Kombination eigentlich. Hier könnten nicht nur die Erwachsenen den Kindern ihre Erfahrungen zur Hilfe stellen, die Erwachsenen könnten auch von den Medienkenntnissen ihrer Kinder profitieren.

Zum Schluss möchte ich gerne darauf hinweisen, dass es auch Gründe gibt, warum ein Kind ein Anders so unter Druck setzt und verletzt. Auch die Täter müssen im Blickfeld und Handlungsbereich der Erwachsenen sein. Ohne hiermit die Tat zu entschuldigen muss auch überlegen werden, was an der Situation des Täters zu ändern ist, um so auch sein Verhalten zu ändern.

Berlin 2013

Kommentare & Antworten

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


neun + 4 =

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>